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Das „Anthropozän“ oder die Krise des Mensch-Natur-Verhältnisses

Bevor wir uns dieser Erneuerung der Programmatik stellen, müssen wir uns zuerst vergegenwärtigen, was sich uns heute, im 21. Jahrhundert, als die große geschichtliche Herausforderung stellt. Sie scheint mir unbestreitbar das zu sein, was von Philosophen als die fundamentale „Krise des Mensch-Natur-Verhältnisses“ bezeichnet wird, die in der 200-jährigen Tradition der Linken jedoch keine zentrale Rolle gespielt hatte. In deren Zentrum stand die soziale Frage, die „Krisen des Mensch-Mensch-Verhältnisses“: die Ausbeutung der menschlichen Arbeit durch Menschen sowie die Herrschaft von Menschen über andere Menschen. Und diese Klassengegensätze sollten in einer solidarischen Gesellschaft von Freien und Gleichen überwunden werden. Die Krisen im Naturverhältnis hingegen wurden als Folgen eines rücksichtslosen kapitalistischen Wirtschaftssystems verstanden, die perspektivisch in einer künftigen sozial gerechten Ordnung und in einer am Gemeinwohl orientierten Produktionsweise überwunden sein werden.

Heute greift die Krise jedoch tiefer. Denn durch ihre geschichtlich erworbene Verfügungs- und Handlungsmacht ist die Menschheit heute erstmals zu einem auch erdgeschichtlich wirksamen Faktor geworden. Die gegenwärtigen geologischen Prozesse des rasanten Klimawandels, des raschen Artensterbens, des Schwunds der Eisschilde, der Verkarstung wie des Auftauens der Böden sind nicht mehr, wie erdgeschichtlich bisher, durch natürliche Faktoren wie Vulkanausbrüche oder vermehrte Sonneneinstrahlung verursacht worden, sondern durch die ökonomischen Prozesse der wachsenden globalen Güterproduktion und -konsumtion sowie durch die sozialen Prozesse des zunehmenden Verkehrs und der Kommunikation.

Dieses neue Zeitalter, das als „Anthropozän“ oder als „Kapitalozän“ bezeichnet wird, verlangt, so meine ich, neue Antworten sowohl auf die Frage nach dem Verhältnis des Menschen zur Natur als auch auf die Frage nach dem "Wesen" des Menschen – und damit nach der Ausrichtung und Orientierung einer politischen Praxis der Linken.


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